“Yes, your Ladyship” – Arbeiten als Au Pair für den englischen Adel

 
Tilney Hall“Wie war das eigentlich damals, als Du als Chambermaid in England bei dieser Adelsfamilie gearbeitet hast?” frage ich meine Tante, während ich es mir auf ihrem Sofa bequem mache und an meiner Tasse Tee nippe. “Geht es da wirklich so zu, wie man es aus dem Fernsehen kennt…ja wie z.B. bei Downton Abbey?”, will ich neugerig wissen.

Sie lacht kurz auf: “ Ach ja, das ist schon wieder so lange her.”

Meine liebe Tante hat 1967 als junges Mädchen die Gelegenheit bekommen für ein Jahr nach Südengland zu gehen, um als Kammerzofe bei einer Adelsfamilie zu arbeiten.

“Es war eine tolle und interessante Zeit”, schwärmt sie. “Nicht nur die Sprache hat mir für das spätere Leben viel gebracht, sondern auch den Einblick in diese andere Welt hat meinen Horizont enorm erweitert.

“Wie bist Du an diese Stelle gekommen”, frage ich weiter.

“Eine ehemalige Professorin aus unserem Gymnasium kannte die Baronin”, antwortet meine Tante.
Es muss dazu gesagt werden, dass “her Ladyship” Österreicherin war (auch Adel) und aus Liebe zu Ihrer Heimat immer gerne  1-2 jungen Frauen die Möglichkeit gab, als Aupair in dem aristrokratischen Haushalt zu arbeiten. Natürlich hiessen sie dann nicht Aupair-Mädchen, sondern hatten den Titel gemäß ihres Aufgabenbereiches, wie meine Tante, die als Chambermaid arbeitete.

“Im April 1967 war es dann soweit”, fängt meine Tante an zu erzählen, “und ich war sooo aufgeregt. Man hatte uns Flugtickets geschickt und so sind wir beide nach England geflogen. In London hat uns dann der Chaufeur vom Flughafen abgeholt. Ich fühlte mich selber wie eine Lady”, zwinkerte sie mir zu und führte ihre Tasse scherzhaft mit abgespreizten kleinem Finger zum Mund.

Portland Coast“Bis Mai 1968 haben wir in Südengland auf dem Wochenendsitz dieser Familie gearbeitet.
Der Landsitz war in der Grafschaft Hampshire und lag direkt am Meer – traumhaft. Da das Gut aber sehr abgelegen war, haben wir beide ein Auto zur Verfügung gestellt bekommen, damit wir einmal in der Woche zum Englischkurs fahren konnten.”

“Und was waren Deine Aufgaben als Chambermaid,” frage ich weiter.

“Meine Aufgaben waren sehr vielseitig”, antwortet sie.
“Eine Sache fand ich als junge Frau immer sehr unangenehm”, sie lacht. “Wenn die Herrschaften da waren, musste ich morgens früher als sonst aufstehen, den “Good Morning Tea” für die beiden machen und ihn ins Schlafzimmer bringen.” Also vorsichtig eintreten, dann die echt schweren Gardinen öffnen und schliesslich den Tee ans Bett stellen.”
“Ausserdem musste ich der Lady den Koffer packen, wenn sie verreiste und die Badematte herrichten, wenn sie ein Bad nahm.”

“Naja, und dann habe ich noch dem Butler beim Servieren geholfen, wenn Gäste da waren. Und wenn diese auch noch im Hause übernachtet haben, musste ich die Zimmer herrichten und dafür sorgen, dass alles dort in Ordnung ist”, zählte sie auf. “Für die Reinigung im Haus waren zum Glück zwei Damen zuständig.”
Meine Tante lachte wieder und nahm einen Schluck Tee.
“Aber das war noch nicht alles” und setzte ihre Teetasse ab. “In den Ferien war ich für die Kinder der Herrschaften eingeteilt. Sie hatten ein eigenes Stockwerk, was “nursery” genannt wurde, wo sie auch wohnten und ihr Frühstück assen, was ich ihnen jeden Morgen machen musste.

In der grossen Küche im Erdgeschoss habe ich dann Eier in jeglicher Form, wie z.B. poached eggs, scrambled eggs, fried eggs etc. gekocht. Ausserdem Bohnen in Tomatensauce (baked beans) und Würstchen, also ähnlich wie ein English Breakfast. Ausserdem noch Toast, Jam und Kakao.
Das ganze schickte ich dann mit einem Essenslift nach oben, während ich wie eine Verrückte die Treppen hochrannte, um es oben in Empfang zu nehmen und zu servieren. Anschliessend habe ich wieder alles aufgeräumt und dort auch das Geschirr abgewaschen.
Natürlich musste ich auch das Stockwerk in Ordnung halten – also aufräumen und bügeln. Gewaschen wurde die Kleidung von einer Frau, die auch für die restliche Wäsche im Haus verantwortlich war.”

“Musstest Du die Kinder auch beschäftigen, bzw. mit ihnen spielen”, frage ich interessiert.

“Nein” meine Tante schüttelt den Kopf, ”Erstens waren die Kinder nicht mehr klein, sondern schon 16 und 18 Jahre alt und die Zwillinge waren 11. Und wenn wirklich eine Betreuung nötig war, gab es dafür eine Nanny, die aber nur ab und zu kam.”

“Um es kurz zu machen – wenn die Herrschaften da waren, war ich voll eingeteilt. Etwas ruhiger wurde es, wenn sie nicht da waren. Aber zu tun gab es immer etwas.” Grinsend fügt sie hinzu: ”Der Butler hat es immer genossen, wenn seine Lordschaft aus dem Haus war und er dann das Sagen hatte.”

“Noch etwas Tee?” fragt sie mich und füllt bereits die Tasse, ohne meine Antwort abzuwarten.

“Was etwas lässtig war, waren diese wirklich dicken Fenstergardinen, deren Funktion es u.a. war, nicht nur das Licht, sondern auch die Kälte auszusperren – deshalb der viele und dicke Stoff. Egal ob die Herrschaften da waren oder nicht, ich musste diese schweren Vorhänge zu einer bestimmten Zeit am Abend schliessen und morgens wieder zu einer bestimmten Zeit öffnen. Und da es in diesem Haus viele grosse Fenster gab, kannst Du Dir sicherlich vorstellen, wieviel Stoff ich bewegt habe. Selbst an meinem freien Tag war ich für die Gardinen verantworlich.”

Afternoon TeaIch giesse mir etwas Milch in den Tee:” Apropos Tee – wurde bei Euch wirklich noch der Afternoon Tea zelebriert? Und wie war es mit den Essenszeiten? Wurden die strickt eingehalten?”

“Hmm”, meine Tante schaut etwas nachdenkenlich,”fixe Essenszeiten gab es eigentlich nicht. Die Herrschaften haben immer gesagt, wann und wo sie essen wollten.”

“Aber für uns Bediensteten schon. Eine der zwei Köchinnen hat jeden Tag einen Kuchen gebacken, den es dann morgens um 10.00 Uhr mit Tee gab, 12.00 Uhr Mittagessen, also Lunch und nachmittags Tee um 17.00 Uhr.

Wenn die Herrschaften es wollten, gab es tatsächlich einen Afternoon Tea mit Sandwiches (incl. abgeschnittener Rinde) und Kuchen oder Biscuits…eigentlich mehr Biscuits”

“Und wie war das mit dem Dinner Tisch? Wurde der wie bei Downton Abbey mit so einem Lineal gedeckt,” frage ich weiter.

“Das kann ich Dir gar nicht genau sagen. Auf jeden Fall hat immer der Butler den Tisch gedeckt und es sah total ordentlich und professionell aus”, nickt meine Tante anerkennend.

“Wo hast Du eigentlich geschlafen, ich meine, gewohnt während Deiner Zeit als Chambermaid?”

“Die Angestellten wohnten rund um das Estate in Häusern, aber meine Freundin und ich hatten jeder ein kleines, fast etwas spartanisches Zimmer im Bedienstetentrakt. Dort hatten wir auch unser eigenes Bad und einen eigenen Hintereingang.”

“Seid Ihr nicht durch den Haupteingang gegangen?” frage ich nach.

“Um Himmels willen”, die Augenbraun meiner Tante schossen in die Höhe,”das war für uns absolut tabu. Es gab einen extra Eingang für die Dienstboten. Und auch sonst hatten wir in den Räumen der Herrschaften nichts zu suchen, ausser wir hatten dort etwas zu tun.”

“Unglaublich,” ich schüttelte den Kopf, “ obwohl Du Ende der 60iger in England warst, hat der Adel immer noch an seinen alten Traditionen festgehalten.”

“Aber die Zeitung hat der Butler morgens nicht gebügelt, oder”, scherze ich. Sie lacht und wirft dabei den Kopf leicht nach hinten:”Ob Du es glaubst oder nicht – die Zeitung wurde tatsächlich jeden Morgen gebügelt. Und das hatte einen ganz einfachen Grund. Das Bügeln sollte verhindern, dass die Druckerfarbe abgeht.”

“Wieviel hast Du damals eigentlich verdient?” frage ich neugerig und beuge mich etwas nach vorne.

“Jede Woche haben wir von dem Butler ein kleines Kuvert bekommen, wo unser Gehalt von 7 Pfund drin war. 1 Pfund war damals ca. 10 DM. Gearbeitet haben wir übrigens 6 Tage die Woche und einen Tag hatten wir frei, der aber niemals auf das Wochenende fiel. Die Arbeitstage fingen um 6.00 Uhr an und wenn viel los war, hörten sie gegen 23.00 / 24.00 Uhr auf. Natürlich hatten wir zwischendurch mal eine Pause, aber eine feste Arbeitszeit, wie z.B. im Büro kannten wir nicht.”

Auch geregelten Urlaub gab es für uns Mädchen eigentlich nicht. Einmal bin ich eine Woche in den Lake District gefahren. Naja und einmal nach Deutschland zur Hochzeit Deiner Mama”, lächelt sie mich an.

“Ach ja, krankenversichert waren wir auch. Damals gab es schon ein Abkommen zwischen Österreich und Grossbritannien, so dass wir einfach nur unseren Pass brauchten, wenn wir zum Arzt oder ins Krankenhaus müssten.”

“Wenn Du das alles so erzählst, hört es sich an, als ob es jede Menge Personal allein nur für dieses Wochenendhaus gab?” überlege ich laut.

“Also da war der Butler,”fängt sie an aufzuzählen und nimmt dazu die Finger, “dann der Chauffeur, einige Gärtner, 2 Reinigungskräfte, die Wäschefrau, meine Freundin und ich und 1-2 Köchinnen.”

“Wie 1-2 Köchinnen,”stutze ich.

“Naja, eine für den Alltag und eine zusätzliche, wenn Gäste da waren. Das Essen war übrings immer herrvoragend, schwärmt sie. Das war auch die einzige Zeit, in der ich etwas “handfest” war.“ grinst meine schlanke Tante.

“Was ich noch gut in Erinnerung habe, waren die vielen Kupferkessel, die in der grossen Küche an der Wand hingen. Und meine Freundin musste sie immer putzen, was sie ziemich doof fand.” lacht sie.

”Ach ja, bevor ich es vergesse,” fügt sie hinzu. “Jeder der zum Herrenhaus kam, ob Postbote oder Lieferant hat immer eine Tasse Tee in der grossen Küche bekommen. Das war so selbstverständlich, wie das Amen im Gebet.”

“Wenn Ihr Gäste hattet, was wurde mit denen so gemacht? Naja, auf dem Land kann es ja doch etwas langweilig sein, oder” frage ich.

“Ach, die haben sich schon beschäftigt”, lacht sie. “Besonders voll war das Haus immer im Herbst, wenn Jagdzeit war. Da wurden hauptsächlich Fasane geschossen, die extra für die Jagd gezüchtet worden sind. In der Zeit war das Haus immer voll und es gab viel zu tun. Und…es gab immer Fasan zu essen – Fasan, Fasansandwich, Fasanpastete….usw.” sagt sie lachend und verdreht dabei die Augen.

Ein bißchen beneide ich meine Tante, dass Sie eine so tolle Erfahrung machen durfte.

Ob es heute immer noch so bei den Adelsfamilien abläuft, kann sie natürlich nicht sagen. Aber ich freue mich, dass sie sich noch an so vieles erinnen konnte und ich es aufschreiben durfte.

Vielen lieben Dank Tante Elfi!

Den Namen der Familie habe ich auf Wunsch meiner Tante nicht erwähnt.